Droht der Friesenpopulation ein genetischer Flaschenhals?

Die gestrige Hengstenkeuring mit ihren Stars und Sternchen und die Aktualisierung des KFPS-Hengstenstammbaums hat mich darüber nachdenken lassen, wie es derzeit um die genetische Variabilität in der Friesenpopulation bestellt ist.

Wieder wurden zwei Hengste – zweifellos gerechtfertigt in Anbetracht ihres Exterieurs und ihrer Bewegungsstärke – im Zuge der HK an die Spitze gestellt, die als Vererber nicht unbedingt einen positiven Beitrag zur Verbreiterung der genetischen Basis des KFPS-Friesen liefern: Jurre 495 (VWG 18,5%) und Jehannes 484 (VWG 18,4%).

Der durchschnittliche VWG (Verwandtschaftsgrad) der zu den Vorrijdagen angewiesenen Hengste liegt mit 17,9% ebenfalls recht hoch, lediglich sechs der 41 angewiesenen Hengste weisen einen VWG unter 17,5% auf.

Und wie sieht es unter den aktuell aktiven Deckhengsten des KFPS aus? Auch hier liegt der durchschnittliche VWG bei 17,83%, immerhin liegen aber 32 der 89 derzeit aktiven Deckhengste bei unter 17,5%, ganze 16 sogar unter 17,0%.

Grafisch dargestellt lässt sich leicht erkennen, dass etwas mehr als die Hälfte der aktiven Deckhengstpopulation einen VWG > 17,5% mitbringt:

Sieht man sich nun die Deckzahlen für das Jahr 2020 an, wird aber auch sehr schnell klar, dass die Hengste mit höherem VWG die Deckstatistik klar dominieren. Nur jeder dritte Decksprung geht auf das Konto eines relativ unverwandten Hengstes. Hengste, die wirklich positiv zur Blutverbreiterung beitragen können zeichnen sich lediglich für ca. 12% aller Bedeckungen verantwortlich.

Dieser Trend ist schon seit mehreren Jahren zu beobachten – die von den Züchtern häufig genutzten Hengste kommen in vielen Fällen aus bereits etablierten Hengstlinien, die oftmalige Nutzung dieser Hengste treibt deren Verwandtschaftsgrad weiter in die Höhe und so schließt sich der Kreis. Dazu kommt, dass von eben diesen Hengsten auch vermehrt Nachkommen zu Deckhengsten gekört werden. Kein Wunder – populäre Hengste erhalten nicht nur mehr Deckungen, sondern potenziell auch Zugang zu prädikatreicheren Stuten, die wiederum im statistischen Mittel qualitätsvollere Nachkommen bringen.
Um diesem Argument etwas mehr Fundament zu geben, möchte ich die diesbezüglichen Zahlen aus dem Fohlenjahrgang 2020 anführen.

In dieser Grafik habe ich alle 2020 geborenen Fohlen von Vätern mit einem VWG <17,0% (307 Fohlen) denen von Vätern mit einem VWG >18,5% (1417 Fohlen) gegenübergestellt und die Qualität ihrer Mütter prozentual nach Prädikaten aufgeschlüsselt.
Wie sich bereits anhand der o.a. Deckstatistik gezeigt hat, waren auch für den Fohlenjahrgang 2020 Hengste mit hohem VWG deutlich beliebter bei den Züchtern als unverwandte Hengste. Dementsprechend wurden von ersteren auch bedeutend mehr Fohlen geboren.
Der zweite gravierende Unterschied liegt aber in der Qualität der Mütter – während die unverwandten Deckhengste nur zu knapp über 50% Nachkommen aus Stuten zeugten, die mindestens das Sterprädikat tragen, liegt dieser Anteil bei Hengsten mit hohem VWG mit beinahe 75% signifikant höher.

Ein weiteres Problem in diesem Zusammenhang stellen die sinkenden bzw. stagnierenden Deckzahlen innerhalb der KFPS-Friesenzucht dar.

Nach einem Boom in den 2000er-Jahren sanken die Deckzahlen bis in die frühen 2010er um 40% und stagnieren seither auf diesem Niveau.
Der Anteil an den Deckungen durch die jeweils 5 bzw. 10 beliebtesten Hengste der jeweiligen Decksaison nahm aber bei weitem nicht im selben Maße ab wie die Gesamtanzahl der Deckungen. Dies ist in der grafischen Darstellung mit absoluten Zahlen nicht leicht zu erkennen, zeigt sich jedoch in einer prozentualen Aufschlüsselung sehr deutlich.

In dieser Darstellung ist gut zu erkennen, dass der prozentuale Anteil der Top 10 bzw. Top 5-Deckhengste an den Gesamtbedeckungen mit sinkenden Deckzahlen deutlich zunahm und 2016 sogar auf über 50% anstieg.
Das bedeutet, dass in diesem Jahr mehr als 50% aller Bedeckungen auf das Konto von nur 10 Hengsten gingen.
Interessanterweise scheint dieses Phänomen nicht unmittelbar mit der Anzahl verfügbarer Deckhengste zusammenzuhängen – ein Argument, das häufig genutzt wird, um das strenge Körprozedere des KFPS zu kritisieren.

Doch inwiefern trägt die Körpolitik des KFPS zu einer Verschärfung oder Entspannung der Lage bei?
Die Einführung von ausgewiesenen Zuchtwerten für Blutverbreiterung (bloedspreiding) und die Einbeziehung der Abstammungsverhältnisse in die Entscheidungen hinsichtlich Deckhengstkörung waren nur einige von vielen positiven Zeichen in letzter Zeit, die durchaus ein ernsthaftes Bestreben seitens des Zuchtbuchs haben erkennen lassen, sich der Problematik des sich verkleinernden Genpools annehmen zu wollen.
Doch trotz dieser Bestrebungen und der immer wieder öffentlich stattfindenden Beleuchtung der Thematik muss auch gesagt werden, dass dem KFPS eine gewisse Inkonsequenz in seinen Handlungen vorgeworfen werden kann. Und das nicht nur in Hinblick auf das Forcieren von hochverwandten Hengsten als Kampioenen, sondern auch in der tatsächlichen Körpolitik.
Sieht man sich den VWG der in den letzten 5 Jahren gekörten Hengste an, erhält man das folgende Bild:

Zwar finden sich in dieser Gruppe auch Hengste wie Wolter 513 (VWG 15,8%) und Wibout 511 (VWG 16,3%), der überwiegend größere Teil der angekörten Junghengste liegt aber verwandtschaftlich in einem Rahmen, welcher der genetischen Breite der Gesamtpopulation eher unzuträglich ist.

Es scheint also, dass nicht nur in Züchterkreisen ein Umdenken stattfinden muss, wenn die Friesenpopulation auf längere Sicht auf genetisch gesunden Beinen stehen soll. Auch in der Kör- und Zuchtpolitik können noch viele Weichenstellungen erfolgen, um die bedenklichen Entwicklungen der letzten Jahre auszugleichen.
Nicht zuletzt muss das aus züchterischer Sicht auch häufiger die Abkehr von den Publikumslieblingen bedeuten – so schwer die individuellen Leistungen im Sport, die individuelle Schönheit oder die Performance auf der HK auch wiegen mögen, so muss doch auch ganz klar gesagt werden, dass mit der züchterischen Weiterentwicklung der Rasse durch solche Stempelhengste auch eine weitere Verengung des Genpools Hand in Hand geht.
Problematische Ausmaße wird dieser Weg in wenigen Jahrzehnten annehmen, vor allem wenn genetisch wertvolle Linien immer kleiner und unbedeutender werden oder ganz verschwinden.
Glücklicherweise gibt es aber auch heute schon Züchter, die dieses Problem klar erkannt haben und dagegen arbeiten – ich wünsche diesen besonders viel Glück in ihren Bemühungen. Möge ihr Weg von Erfolg gekrönt sein.

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